Eine temporäre Verhüllung des Altarraums während der Passionszeit, basierend auf dem St.-Nicolai-Motiv aus der Serie Fotovisionen zum Klimawandel von Harald Bickel.
Das Hungertuch in St. Nicolai auf Föhr:
Hungertücher und Klappaltäre gehörten zu den prägenden Bildpraktiken des Kirchenjahres, insbesondere in den norddeutschen Regionen mit ihrer langen Tradition von Wandelretabeln und Altaraufsätzen. In der Passionszeit wurden Altäre verhüllt oder geschlossen, Bildwerke entzogen und der visuelle Reichtum des Kirchenraums bewusst reduziert. Diese Praxis war nicht als Verlust gedacht, sondern als zeitlich begrenzte Ordnung des Sehens: Durch das Zurücknehmen des Bildes wurden Zeit, Raum und liturgischer Rhythmus neu erfahrbar. Heute werden Hungertücher häufig neu gestaltet und ortsbezogen eingesetzt. Der Fokus liegt nicht auf Illustration oder Belehrung, sondern auf Reduktion und Unterbrechung. Der Entzug des Bildes – oder seine bewusste Ersetzung – wird selbst zum gestaltenden Moment. In dieser erneuerten Praxis verbinden sich historische Kontinuität und gegenwärtige Fragestellungen: Hungertücher strukturieren den Kirchenraum weiterhin als Ort wechselnder Bildzustände, geprägt von Zeitlichkeit, Handlung und bewusster Begrenzung.
Das 5,60 mal 3,10 Meter große Hungertuch von Harald Bickel in St. Nicolai greift als Bild den Kirchenraum selbst auf. Es verhüllt den Altar und öffnet zugleich den Raum zur Weite der See. Die Architektur der Kirche wird in der Tradition der Scheinarchitektur weitergeführt. Als Vision lädt das Motiv zum Innehalten und zur stillen Reflexion ein.
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